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corona 

Statt eines Corona-Tagebuches:

01 Sisyphostage kleinHigh Voltage Day

Eine Nachlese 

Mit verquollenen Augen vom stundenlangen Arbeiten am Laptop am Vortag und nach drei Kaffees, weil die nächtliche Arbeitsphase doch wieder länger gedauert hat als erwartet, starte ich auch diesen Tag im Homeoffice mit einem guten Plan und voller Hoffnung, den täglichen Drahtseilakt zwischen Arbeit, Studium und Familie heute besser als gestern zu bewältigen. 

 02 Drahtseilakttage

 

Zuerst steht das Begleiten des Distance Learning mit meiner achtjährigen Tochter an. Sie orientiert sich, was für heute zu erledigen ist. „Wieso muss ich das Wörterbuch so schnell wie möglich lesen? Und warum dreimal? Die schnellste Lesezeit der Lehrerin mailen? Was bringt mir das?“, fragt sie und beschließt gleich darauf, diese Aufgabe nicht zu machen. Gut so, denke ich. Sie entscheidet sich fürs Zapfen rechnen. 

Für heute habe ich ein virtuelles Reli-Couch-Meeting ausgemacht. Laptop hochfahren, mein Mann muss mit seinem Gerät aus dem Internet aussteigen, sonst bricht wieder alles zusammen wie vorgestern. Alles geklärt, mein Mann sucht sich eine andere Beschäftigung, meine Internetverbindung und der TSNMeeting-Raum steht, die Schüler*innen trudeln ein und wir entbrennen bald in eine lebhafte Diskussion über Gott und die Welt, über Evolution und Intelligent Design und überhaupt über das Leben. Ich genieße und hebe eine Perle aus dem Ozean des Distance-Learning.

 03 Perlentauerchertage

Mein Mann reißt eine Wand in der Wohnung ein, nicht nur der Boden vibriert, während ich im Videomeeting bin. Ich merke, ich werde zunehmend unkonzentrierter…

 Mein fünfjähriger Sohn versucht verzweifelt seine Lieblingsspielfigur, das ist mittlerweile im ganzen Haus zu hören. Ich sitze noch immer im Videomeeting. Freudestrahlend berichtet er mir über das Erfolgserlebnis des Auffinden der Figur. Währenddessen lässt er die Figur recht unsanft über die ohnehin schon lädierte Tastatur meines Laptops reiten und winkt freudestrahlend in die Kamera. Die Schüler*innen finden es lustig. Ich bedingt. Mein Sohn findet es noch lustiger und beginnt, Grimassen vor der Kamera zu schneiden. Die Schüler*innen lachen, ich nicht mehr - vor allem, weil mein Mann den Schremmhammer soeben wieder angesetzt hat und mein Sohn die Türe zum anderen Raum offen stehen ließ. Alles vibriert … Ich komme mir vor wie Graf Falco im Kinderspielfilm „Tohuwabohu total“.

„Was steht noch auf dem Plan für heute?“, frage ich meine Tochter nach dem Videomeeting. Diese Woche geht es um „Ritter und Burgen“. Der lapidare Kommentar meiner Tochter dazu: „Ritter und Burgen sind total langweilig. Das interessiert mich gar nicht.“ Mir fällt etwas Kreatives für sie ein, doch ihr Interesse bleibt gleichbleibend gegen null. Mein Historikerinnenherz blutet schon ein wenig, gebe ich zu.

Eine Geschichte über den (fiktiven) starken Ritter Kuno schreiben? Die Tochter stöhnt, ob sie nicht einfach eine Mädchendetektivgeschichte schreiben kann. Sie fängt an, schaut aus dem Fenster…es ist heute definitiv kein Geschichtenschreibtag. Wir Erziehungsberechtigte erlassen unserer Tochter die Aufgabe und informieren die Lehrerin über unsere elterliche Entscheidung im Mail mit dem gesamten Aufgabenpaket des Tages - ohne Geschichte.

 Das Mittagessen lasse ich aus, nun muss Zeit sein fürs „Hirnlego-Spielen“. Die Klasseneinteilung für die Präsenzphase ist zu koordinieren. Ich schneide 28 Kärtchen mit Namen versehen aus, schiebe sie auf dem Tisch hin und her, markiere zusammengehörende in unterschiedlichen Farben. Der erste Anruf einer Kollegin kommt. Geschwisterkinder müssen mitbedacht werden. Mist, mein pädagogischer Plan geht sich nicht aus. Also Synapsen neu koordinieren, ich beginne von vorne. Melde mich bei diversen Kollegen und Kolleginnen, Eltern und Kindern der Klasse. Schiebe die Kärtchen hin und her, schneide neue aus, male sie anders an, telefoniere, werde über neue Vorgaben informiert, schreibe eine neue Liste, schiebe die  Kärtchen in die andere Richtung, … Nach gefühlten 50 Telefonaten, 30 Anfragen meiner Kinder, ob ich denn mal Zeit hätte für sie, 20 Mails, 8 verschiedenen Einteilungen meiner Klasse und blanken Nerven ist mein erstes Hirnlego-Konstrukt, das ich vor 6 Stunden erstellt hatte, wieder im Rennen. Ich maile den Plan an Kollegen weiter. Zumindest versuche ich es…

04 Hirnlegotage 

… Nun erkenne ich: Es gibt den Lock-Down im Lock-Down. TSN beschließt überlastet zu sein und schickt mich kurzfristig in die virtuelle Quarantäne. Egal, dann gehen wir eben den Wocheneinkauf erledigen. Das Auto springt nicht an. Auch das noch. Einmal tief durchatmen, dann geht es weiter im Programm.

Telefonat mit einem Schüler, das dritte in anderthalb Wochen. Er schafft es immer noch nicht, vor 11:30 Uhr aufzustehen. „Alles locker, Frau Professor“, meint er. Ich sehe das nicht so ganz, komme aber über die Distanz im wahren Leben nicht so wirklich an ihn ran, auch das Telefonieren hilft nicht einmal kurzfristig. Abschließend meint der Schüler, ihn drücke noch eine Frage. Welche denn? „Wann kann denn endlich wieder normal Schule sein? Das ist alles so anstrengend mit dem Computer!“. - Ja, wenn ich das wüsste. Je früher, desto besser, sind wir uns einig. „Bis zum nächsten Mal“, freut sich der Schüler schon auf meinen Folgeanruf. 

Ich habe für meine Ausbildung am Abend eine anderthalbstündige schriftliche Online-Prüfung zu absolvieren. Zeitliche Toleranz der Abgabe per Mail 5 Minuten. Rechtswissenschaftler können ganz schön pingelig sein. Aber kein Problem, heute bin ich so richtig fit und noch gar nicht ausgelastet. Ich stelle mir den Wecker, beginne zu schreiben, werde nach 60 Minuten nervös, weil ich weiß, dass der Wecker bald klingeln wird und TSN heut schon einmal überlastet war. Ich bin unkonzentriert, mache gefühlte 100 Tippfehler, der Weckruf ertönt, ich bin noch nicht fertig, tippe aufs Handy für die Reaktivierung des Weckrufes in 5 Minuten. Das war keine gute Idee, jetzt geht gar nichts mehr. Der letzte Satz bleibt unvollendet, ich konvertiere die Datei und öffne das Mailprogramm. Ich spüre die Sekunden ticken, bin äußerst angespannt. Ob alles klappt? Erleichterung stellt sich ein, es scheint zu funktionieren, ich kann das Mail senden - pünktlich auf die Minute… uff. 

Anschließend checke ich mein Mailpostfach, „Geht nicht gibt es nicht“, schreibt die Volkschullehrerin meiner Tochter zurück, „Verweigerung wird nicht akzeptiert. Dann muss sie die Geschichte eben in der Schule schreiben, wenn diese wieder offen ist“. HÄÄÄ? Meine Körpertemperatur steigt, der Puls ebenso, mein Kreislauf kommt wieder in Schwung. 

Nach schriftlichem Dialog, sprich: intensivem Feedbackschreiben und weiterer Mailkommunikation merke ich, wie sich meine Synapsen erschöpft zur Ruhe begeben. Nichts geht mehr um 2 Uhr. Dabei gäbe es noch so viel zu erledigen. Mein Laptop lässt sich nicht herunterfahren, er glüht schon. Autsch, angreifen geht auch nicht mehr. Ich bastle aus den Filzstiften meiner Tochter eine mehrstöckige Unterbelüftungsanlage, mache das Fenster im Zimmer auf, weil es schon komisch riecht und verlasse den Raum, nicht ohne zuvor die Tür zu versperren. Ich will nichts wissen von einem Laptop, der möglicherweise sein Letztes gegeben hat… dann geh ich lieber schlafen und träume davon, mir morgen etwas Gutes zu tun und ein wenig freie Zeit am Tag für mich ganz alleine (und ohne Laptop) zu genießen…Der Bildungsminister erkundigt sich telefonisch nach meinem Distance-Teaching-Alltag und legt mir nahe, dass der Ruf, den sich die Lehrerschaft in den letzten Wochen erarbeitet hat, bitteschön aufrechterhalten bleiben müsse. Ich müsse schon auch etwas dazutun, nicht nur er via Pressekonferenzen.  Meinen Aktionsplan solle ich ihm schnellstmöglich schriftlich zumailen - am besten schon gestern. Jetzt ist es soweit: My personal apokalypse now begins. Definitiv.

Ich wache schweißgebadet und mit Schmerzen an der Schläfe auf.

Mein Sohn tippt mir um 6:30 Uhr fit unaufhörlich auf die Stirn und fragt mich „Mama, liest du mir was vor?“ Na klar, es ist allemal besser, mit verquollenen Augen nach 4 Stunden Schlaf etwas vorzulesen als den Apokalypse-Alptraum weiter zu träumen…

Ein weiterer Tag im Homeoffice bricht an. Mal sehen, was der Tag so bringt… Wird es noch ein Hirnlego-Tag? Oder gar ein Perlentauchertag? Sisyphos lässt jedenfalls sicher wieder grüßen… (Carola Karner, 16. Juli 2020)

01 Sisyphostage